Zivilgesellschaft

Über fehlende Menschen- und Medienkompetenz

04. November 2020 Es fällt uns schwer diese Zeilen zu schreiben. Nicht nur, weil wir es diese Woche kaum aus der Schockstarre herausgeschafft haben. Sondern auch deshalb, weil wir dabei nicht in Wut oder gar Panik verfallen dürfen. Unsere Gedanken zur Rolle der Medien und MediennutzerInnen in den letzten Tagen:

Es fällt uns schwer das zu schreiben, denn wir lassen uns normalerweise sehr viel Zeit für das Schreiben eines Artikels. Wir können es uns leisten, uns Zeit zu lassen, also tun wir es. Eine gute Recherche dauert. Einen sinnvollen Text zu formulieren, der euch Mehrwert bietet, dauert. Wir tun es, weil wir es uns leisten können und uns es leisten wollen. Denn nur so können wir Qualität garantieren. Nur so können wir sicherstellen, dass wir einen sinnvollen Beitrag leisten.

An dieser Stelle gilt unser Dank allen JournalistInnen und Medien, die sich den Luxus, sich Zeit zu lassen, nicht leisten können und trotzdem auf „Gewissenhaftigkeit und Korrektheit in Recherche und Wiedergabe von Nachrichten und Kommentaren“ achten. Danke, dass ihr auch unter einem enormen zeitlichen und psychischen Druck mehr Wert auf Qualität und euren gesellschaftlichen Beitrag legt als auf Klicks, Panikmache und Sensation. Somit danke, dass ihr die „wirtschaftlichen Interessen des Verlages“ „die redaktionellen Inhalte nicht in einer Weise beeinflussen (lasst), die Fehlinformationen oder Unterdrückung wesentlicher Informationen zur Folge haben könnte.“ Danke, dass ihr auch dann, wenn die Uhr besonders laut und schnell tickt, „vor der Wiedergabe von Fremdmeinungen“ ihre „Stichhaltigkeit überprüft“.

Danke, dass ihr das alles auf euch nehmt. Danke, dass ihr nicht der Verlockung nachgebt, den Anspruch auf Schnelligkeit über den menschlichen Anspruch auf „Wahrung der Würde der Person und auf Persönlichkeitsschutz“ stellt.

Die Zitate oben sind Teil des Ehrenkodexes für die österreichische Presse – ihm zu folgen sollte grundsätzlich keine Ausnahme oder Fleißaufgabe, sondern eine Selbstverständlichkeit sein.

Wie wir diese Woche gesehen haben, ist das leider alles andere als selbstverständlich. Daher – DANKE!

Für alle die sich fragen, warum das alles so wichtig ist. Und auch für euch, die das alles wissen und schätzen, aber sich vielleicht trotzdem über eine kleine Unterstützung für euren persönlichen Aufklärungskampf freuen: hier ein paar Gedankenanstöße.

„Journalismus bedingt Freiheit und Verantwortung.“ (Ehrenkodex für die österreichische Presse) 

Was manche Boulevard-Medien diese Woche gemacht haben, bedingt weder Freiheit noch Verantwortung. Was diese Woche in manchen Boulevard-Medien gezeigt wurde, ist schlichtweg gefährlich und verantwortungslos. Dafür gibt es viele Gründe:

Panik fördert Desinformation

Was passiert mit uns, wenn wir Videos und Bilder von Gewalt sehen? Werden wir informiert? Wohl kaum. Viel mehr triggert es unseren uralten „fight or flight“-Instinkt. Oder es weckt den inneren Voyeur und der ist kein gesunder Begleiter in solchen Momenten. Die Emotionen, die dabei hochkommen, sind alles andere als förderlich für unser rationales Denken, für unsere Auffassung und Verarbeitung von wichtigen - in diesem Fall vielleicht sogar überlebenswichtigen - Informationen. Solche Bilder und Videos fördern Panik. Panik und Angst. Ab hier verfallen wir entweder in Wut oder werden von einem Gefühl der Ohnmacht überfallen. Und in solch einem Zustand sind wir kaum noch noch imstande, rational zu denken.

Keine Bühne für die Täter schaffen

Wer das Verbreiten von solchen Videos und Bildern mit dem Argument, dass dadurch ungefiltert und sozusagen „unbeeinflusst“ durch Medien gezeigt wird, was gerade passiert, sollte nicht den verheerenden Nebeneffekt vergessen: „Es gibt den Tätern eine Bühne“, um den Verein Medienjournalismus Österreich (MÖ) zu zitieren. Dass man das als Medienkonsument in der Hitze der Krisensituation auch mal vergisst, ist verständlich. Professionelle Medienmacher dürfen darauf aber nie vergessen.

Persönlichkeitsschutz

Was passiert mit den Angehörigen, wenn sie solche Inhalte sehen? Was passiert mit den unmittelbar Betroffenen? Persönlichkeitsrechte sind klar geregelt. Die Medien verstoßen oft bewusst dagegen, weil es Klicks, Reichweite und somit mehr Anzeigengeld bringt. Man könnte meinen, dass in solch schrecklichen Momenten doch die Menschenkompetenz die Oberhand gewinnt. Das innere Bedürfnis, den Mitmenschen zu helfen, für sie unterstützend da zu sein oder - wenn das nicht möglich ist – ihnen zumindest nicht zu schaden. Oder sie mit Respekt zu behandeln. Wurde all das diese Woche in Betracht gezogen? Wohl kaum.

Psychische Auswirkungen

Was passiert mit einem Kind, wenn es diese Inhalte sieht? Was passiert mit einem Menschen, der gerade in seiner/ihrer psychischen Verfassung etwas labil ist? (und sind wir uns mal ehrlich… sind wir das heutzutage durch COVID-19 nicht alle?) Unzensiert, ohne Trigger-Warnung. Ohne Bedenken. Wurde irgendeine Rücksicht auf diesen Aspekt genommen? Wohl kaum.

An dieser Stelle der Hinweis: alle, die psychische Unterstützung benötigen, können sich an folgende Telefonnummern (24-Stunden-Hotlines) wenden.

Psychiatrische Soforthilfe für Wien: +43 1 31330

Notfallpsychologischer Dienst Österreich: +43 699 188 544 00

 

Fake News

Was löst es in uns aus, wenn wir auf einem unkommentierten Amateurvideo sehen, wie zwei Jungs einen Polizisten über den Schwedenplatz schleppen? Können wir unterscheiden, ob sie sich gerade selbst in Gefahr bringen, um einen Polizisten zu retten, oder ob sie Teil der Terroristen sind? Ohne gesicherte Faktenlage über die Aufnahmen wohl kaum. Und für die Recherche dieser Faktenlage wären in unserem Fall die JournalistInnen zuständig. Tun sie das eben nicht, entstehen leicht Fake News.

Was passiert mit der Polizei und verlässlichen Medien, die ihr Bestes tun und mehrmals darauf hinweisen, genau solche Inhalte bitte NICHT zu teilen? Wenn ein staatlich gefördertes Medium solche Inhalte trotzdem verbreitet, nimmt man diese Bitte dann noch ernst? Wohl kaum.

Das Ausmaß an Gerüchten und Fake News, die diese Woche auf Social Media geteilt wurden, trotz mehrmaliger Aufforderungen dies nicht zu tun, war kaum zu fassen. Bei wem hier die Verantwortung für die Verbreitung solcher Inhalte liegt, ist eine schwierige Frage. Wir haben diese Woche erlebt wie schnell sich Inhalte wie „Geiselnahme im Akakiko“ oder „Schießerei in der U3“ verbreiten können. Die Verantwortung über die Eindämmung und Entkräftung solcher Inhalte tragen wir alle. Allerdings müssen gerade Medien eine Vorbildfunktion haben. War das diese Woche der Fall? Wohl kaum.

Hass

Spätestens hier zittern die schreibenden Finger. Denn wir wollen uns gar nicht vorstellen, was diese Inhalte und die gesamte Situation in jenen Menschen auslöst, die bereits feindlich gegenüber Flüchtlingen oder Menschen mit muslimischem Glauben gestimmt sind. Aus welchen Gründen auch immer, sei es Angst oder anderen „Argumenten“. Wir wollen gar nicht wissen was passiert mit jenen, die - aus welchen Gründen auch immer - Folgendes nicht wahrhaben wollen:

Wir wollen das nicht. Wir wollen nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft in Hass verfällt. Terrorismus und Menschenhass haben keine Religion, keinen Namen, kein Gesicht. Können wir sie stoppen? Nein, wohl kaum. Können wir was dagegen unternehmen? Sehr wohl. Wir können aktiv dazu beitragen, dass das, was Karim El-Gawhary oben schildert, nicht passiert. Wir können aktiv gegen diese Ausgrenzung arbeiten. Wie? Mit Medienkompetenz, Aufklärung und Liebe.

Was können wir jetzt tun?

Ganz einfach: jene Medien boykottieren, die für das oben genannte verantwortlich sind, indem wir schlichtweg nicht darauf zugreifen. Nicht mal aus verächtlichem Interesse – denn jeder Klick steigert die Vermarktbarkeit von Anzeigen. Aber auch die Medienförderung ist ein Hebel, um anzusetzen. Diese Petition setzt sich für die Einstellung aller öffentlicher Förderungen für OE24 und Reformierung der Medienförderung ein. Solltet ihr sie noch unterzeichnet haben, tut das bitte schnellstmöglich hier.

Aktiv werden können wir auch bei Fake News Meldungen und jenen Videos, die vermehrt geteilt wurden: meldet sie als „False News“ oder „Violence“ oder in der relevanten Kategorie bei Facebook, aber tragt nicht aktiv zu mehr Reichweite bei, indem ihr sie kommentiert oder gar teilt.

Ein schwieriger, aber wichtiger nächster Schritt wäre, dass wir uns alle gemeinsam um mehr Medienkompetenz bemühen. Hierzu kommt unsererseits in den nächsten Wochen mehr.

Bis dahin wünschen wir euch Ruhe. Findet auch mal Zeit euch zu distanzieren, ihr könnt niemandem helfen, wenn ihr selbst durchbrennt!

Liebe.
#schleichdiduoaschloch

 

Autorin: Vivian Scherz
Co-Autorin: Belinda Swoboda

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